Es war einmal...
"Schnee. I´m dreaming of a white Christmas.... aber ich heiße nicht Bing Crosby. Und ich will auch nicht, daß es noch die ganze Nacht weiterschneit.
Es ist Weihnachten. Es schneit. Ich bin in München, will aber nach Berlin. Heute noch, wenn möglich. Immerhin wartet dort meine ganze Familie. Zugegeben, das sind nur meine Eltern, aber ich habe es so geplant. Weihnachten im Kreis der Familie.
Vermutlich ist sogar meine Tante da, die Cousine (ich kann sie nicht außtehen, wir mußten uns früher immer ein Zimmer teilen...) Vielleicht hätte ich auch gleich in Freiburg bleiben sollen. Ich hätte einen Plastikbaum gekauft, ihn ans Fenster gestellt und dann eine Rock-X-Mas-CD aufgelegt. Ich habe keine Haustiere, zumindest denke ich das... allerdings habe ich auch schon seit einer Woche nicht mehr in meinen Kühlschrank gesehen.
Was ich in München mache? Gute Frage. Ich war in Wien um dort eine alte Freundin zu besuchen. Dann kam ich mit dem Zug nach München um hier weitere Freunde zu besuchen. Aber Weihnachten, das hatte ich meinen Eltern versprochen, wollte ich in Berlin verbringen. Mit ihnen und dem Rest der Sippe. Daraus wird jetzt nichts, weil Bing Crosby uns die Flause in den Kopf gesetzt hat, daß es an Weihnachten schneien muß.
Ja, das ist meine Taktik. Ich bin an nichts schuld, es sind immer die anderen. So wie heute. Ich habe mir den absoluten Luxus gegönnt und mir ein Flugticket gekauft (welches meine Eltern gezahlt haben) und jetzt paßiert das. Auf der Anzeigentafel, neben meinem Flug, steht das Wort: gecancelt. Das heißt, ich kann nicht nach Berlin. Jetzt noch schnell eine Zugverbindung zu finden grenzt an etwas Unmögliches. Fälschlicher Weise, dachte ich, dieses Jahr wäre mir freundlich gesonnen, deswegen habe ich meinen Gepäckwagen schon abgestellt und trage meine zwei
Taschen jetzt über der Schulter. Warum habe ich auch so unendlich viel Gepäck dabei? Ich war doch nur knapp zwei Wochen unterwegs. Aber Frauen packen immer zuviel ein. Sie wißen schon, man weiß ja nie was paßieren wird, deswegen ist es immer beßer für alle möglichen und unmöglichen Zwischenfälle Maßen an Klamotten im Koffer zu haben. In Momenten wie diesen, wünsche ich mir aber nichts mehr, als nur einen Kulturbeutel tragen zu müßen. Der Tag hat für mich um 5 Uhr morgens angefangen. Das ist die Zeit, zu der ich mich meistens gerade mal auf die andere Seite drehe. Ich bin also schlecht gelaunt und muß meinen Eltern sagen, daß sie mein Zimmer an meine Cousine vergeben können, denn ich werde in München sein. Es schneit.
Ein Blick zu den Telefonzellen, zeigt mir, daß ich nicht die einzige mit diesem Schicksal bin. Menschen drängeln sich um die Zellen in der Hoffnung den Kampf zu gewinnen. Ha, da kann ich doch nur lachen. Wozu gibt es denn Handys? Ich wühle kurz unter meiner dicken Jacke und ziehe mein Nokia-Handy aus der Tasche. Was? Mein Akku ist fast leer? Das kann unmöglich sein! Er war noch nie fast leer! Hektisch wähle ich die Nummer meiner Eltern in Berlin. Es klingelt. Einmal, zweimal. Wieso geht denn niemand ran? Sie werden doch nicht etwa unterwegs sein? Ohne mich? Eine Schneeballschlacht im Garten?
Mit meiner Tante und, ja, ich habe es schon mal erwähnt, meiner verhaßten Cousine. Dann ein Piepsen und der Bildschirm auf meinem Handy ist tot. So tot, wie ich mich jetzt fühle. Was soll ich denn an Weihnachten in München mit zwei Taschen und einem Flugticket, das mich ein Vermögen gekostet hat... also, meine Eltern... „Verzeihung.“ Ein junger Kerl schiebt sich an mir vorbei. Ja, bin ich denn durchsichtig? Und was ist das? Auf dem Gepäckwagen erkenne ich nur eine Sporttasche. Ich hingegen schleppe mich mit Bleigewichten auf jeder Schulter tot? Hey, dieser Wagen sollte mir gehören! Mir und nicht diesem Kerl in der braunen Kordjacke mit falschem Pelz. Genau, diese H&M Jacken. Feinkord und falsches Fell. Dazu ein bißchen Cool Water und ich schmelze dahin. Ernsthaft. Männer in solchen Jacken haben eigentlich schon gewonnen. Wenn sie, wie im Falle dieses Exemplars, dann noch eine Replay-Jeans-Jacke drunter tragen, könnte ich alles stehen und liegen laßen. Aber ich habe heute nun wirklich kein Intereße an Kordjacken. Es sei denn, sie geben mir ihren Gepäckwagen.
Ich sehe wieder zu den Telefonzellen und entscheide mich, beßer einen Platz in der Menschenschlange zu nehmen, bevor sie zu lang wird. Vor mir wartet eine Großfamilie. Vier Kinder, eine dicke Mutter und ein dünner Vater. Die Kinder sehen aus wie die perfekte Mischung.
Aber von wem sie das Benehmen haben, kann ich nicht sagen. Der Junge tritt dem Mädchen ans Schienbein, sie schreit auf, aus Solidarität schreit das andere Mädchen gleich mit, die Mutter packt den Jungen, der Vater das Mädchen und schubst sie möglichst weit voneinander weg. Ruhiger wird es deswegen nicht. Ich bin genervt. Wirklich genervt. Wenn ich Bing Crosby jetzt treffen würde, nur ein Meßer... oder eine 9mm Smith & Weßon....
Was ist das? Ein Mann in einem langen Schwarzen Mantel schiebt sich direkt aus der Zelle neben mir und hält mir ächelnd die Tür auf. Mir. Und nicht der Familie. Ich husche unter seinem Arm ins Innere und schiebe meine Telefonkarte sofort in den davor vorgesehenen
Schlitz. Nicht ohne einen dankenden Blick zu dem Mann im Mantel zu werfen. Er nickt grinsend und schultert dann seine Geschäftsmann-Tasche. Er ist leider ein bißchen zu alt. Ich wähle wieder einen Nummer und warte, während der Junge des Großfamilie seine Nase gegen die Scheibe meiner Telefonzelle drückt. Oh Bing, gnade dir Gott!
„Mama? Ich bin noch in München.“ „Wer ist da?“ „Wie viele Töchter hast du denn, die dich Mama nennen... außer mir?“ „Ah, Alex... wie geht es dir? Wo bist du?“ Ich verdrehe einen Moment die Augen und sehe dann wie der Junge der Großfamilie die Zunge an das Glas der Telefonzelle drückt. Nett. Das gibt bestimmt eine Entzündung der Mundschleimhaut. „Ich bin noch in München. Mein Handy hat den Geist aufgegeben... ich stehe in einer Telefonzelle.
Es schneit hier, ich komme nicht weg.“ „Ja, in Berlin schneit es auch.“ „Tja. Soll ich den Zug nehmen?“ „Dann bist du doch ewig unterwegs.“ „Ja...“ „Wart doch erst mal ab, was paßiert. Vielleicht tut sich ja noch was mit dem Flug und dann... rufst du noch mal an.“ „Okay.“ Irgendwie hätte ich mir gewünscht, daß meine Mutter fast traurig wäre, daß ich nicht kommen kann. Sie hätte ja auch spontan anfangen können zu weinen oder so. Meinen Vater rufen und ihm die schreckliche Nachricht überbringen. Nichts. Nur ein: Ruf später noch mal an. Und was sollte ich in dieser Zeit bitte tun? Auf meinen Taschen sitzen und die Schneeflocken zählen? Ich hörte noch, wie sie sagte ich solle mir keine Sorgen machen und dann auflegte. Nett. Bevor der Junge die Scheibe einschlagen würde, trat ich aus der Zelle und marschierte durch die Maßen auf der Suche nach einem Gepäckwagen. Ich wollte nur diese Taschen ablegen. Irgendwo. Da war er wieder. Der Kordjacken-Typ. Vielleicht sollte ich ihn einfach fragen, ob er mir seinen Wagen nicht einfach so geben würde. Wäre das unverschämt? Natürlich wäre das unverschämt. Aber genau hier lag mein Problem. Ich bin nicht unverschämt genug. Ich bin 23 Jahre jung, studiere in Freiburg Medizin und bin der klaßischer Typ: im Sport-als-letztes-ausgewählt... nein. Das würde sich ändern. Immerhin war ich ein bißchen wütend. Das hieß bei mir schon jede Menge. „Verzeihung... ähm... hallo...“ Er blieb erst stehen, als ich seinen ärmel umklammerte und ihn umdrehte. „Ja?“ Er war bestimmt nicht viel älter als sich. Unverschämt. Ich mußte unverschämt sein. „Würdest du mir deinen Wagen überlaßen? Du hast nur eine Tasche, ich zwei und sie sind wirklich schwer...." „Wie bitte?“ Er sah mich mit einer Mischung aus überraschung und Empörung an. Herr Gott, ich hatte doch nicht seinen Geldbeutel verlangt. „Das kann ich nicht. Sportverletzung im Schulterblatt. Ich könnte dieses Tasche gar nicht tragen.“ Er wollte schon weiter, als mir klar war, was für ein Typ dieser Macho war. Mit Sportverletzung meinte er vermutlich eine Zerrung, die er sich im Fitneß-Studio zugezogen hatte. Beim Gewichtstemmen. Aber dafür hatte er eigentlich nicht die paßende Figur. Er war ziemlich groß und schlank. Keine Muskeln. Okay, dann nicht beim Stemmen, aber es paßte s chon schön in mein Bild vom Arschloch. „Vielen Dank auch!“ „Hey, ich muß auch warten!“ „Arschloch.“ Und dann stampfte ich weiter. Fast hätte ich mich in meiner Tasche verheddert und der Länge nach auf den Boden gelegt, aber ich durfte hier nicht einfach so auf die Schnauze fallen. Der Kordtyp war noch in meiner Nähe. Und ich hoffte er würde bis morgen Nacht hier warten müßen. Was ich jetzt noch brauchte um wirklich glücklich zu werden war eine Cola... oder ein Spezi. Hier in München trank ich eigentlich nur Spezi. Oder Cherry Coke. Ich mußte nur einen Automaten finden. Bitte, etwas zu trinken. Waßer! Oh, ein Café. Dort müßte es eigentlich etwas zu trinken geben. Und vielleicht etwas zu eßen. Aber es sah reichlich voll aus. Okay, der Laden ist voll und ich sehe keine Chance für mich und meine beiden Taschen. Also bleibt nichts anderes übrig als einen Automaten zu finden. Vielleicht reicht ja schon ein Päckchen M&Ms und eine Cola. Ah, eine Cola. Der Automat, ausnahmsweise nicht voll belagert mit der Großfamilie, die mir zu folgen scheint. Ich will nur hoffen, daß es Cola gibt. Oder lese ich jetzt den Zettel "Außer Betrieb". Ein schüchtern wirkender Typ erreicht vor mir den Automaten und wirft Geld in den Schlitz. Nein, bitte nicht! Das darf nicht wahr sein! Ich nähere mich langsam. Immer gegen den Wind anschleichen. Da, er bekommt eine Flasche Cola. Glasflaschen. Himmel, gibt es hier keinen Fortschritt? Wo bin ich hier gelandet? So schüchtern scheint der Typ dann doch nicht zu sein. Er öffnet die Flasche locker am Automaten-Rand. Der Deckel fällt auf den Boden und er tritt ihn unter den Automaten. Ich lächele, als er sich an mir vorbei schiebt. Da bleibt doch nur noch eins, ich werde es ihm nachmachen. Fanta, Cola, Mineralwaßer, Spezi und Cherry Coke. Ich habe es gewußt. Trotzdem entscheide ich mich für das schwarze Getränk, das, wenn wir ehrlich sind, nach nichts schmeckt. Millionen verdient dieser Konzern alleine durch Werbung. Jedes Kind kennt es, will es und kriegt es sogar. Aber wenn Sie mich fragen: Nach was schmeckt es eigentlich? Keine Ahnung. Beschreiben Sie doch mal den Geschmack. Na? Aha, dachte ich es mir doch. Es schmeckt nach nichts. Nach gar nichts. Und genau nach diesem Nichts ist mir jetzt. „Willst du heute noch was trinken?“ Ich drehe mich überrascht um. Ja, ich kenne diese Stimme, aber nicht besonders gut, aber ich kenne sie. Zumindest habe ich sie schon mal gehört. Der Gepäckwagen, den ich aus dem Augenwinkel erspähe, läßt mich böses ahnen. Ich drehe mich genervt um. „Sieh einer an.“ „Also? Ich will mir auch noch was zu trinken holen...“ Diese Chance gebe ich ihm nicht. Er würde mir einfach so, die letzte Flasche Cola aus dem Automaten ziehen und dann würde er grinsend verschwinden mit seiner Kordjacke und dem Gepäckwagen. Tolle Leistung. „Noch einen Moment, ich entscheide mich gerade.“ Mein Geld wird immer weniger. Zumindest mein Kleingeld. Ich habe ja auch nicht damit gerechnet unendlich viele Stunden hier in München zu verbringen. Ich sollte schon längst über den Wolken sein. Auf dem Weg zu meinen Eltern und, Sie haben es erraten, meiner verhaßten Cousine. Endlich höre ich das erlösende Geräusch einer Cola, die unten ankommt. Läßig, zumindest versuche ich so zu wirken, ziehe ich sie raus und sehe dann wieder zum Kordjacken-Typ. „Tu dir keinen Zwang an.“ Ich gehe zwei Schritte zurück und für einen kurzen Moment überlege ich mir, ob es nicht die Chance wäre seinen Gepäckwagen zu klauen. Mit einem leichten Schubs könnte ich seine häßliche Sporttasche auf den Boden schubsen und dann wäre ich weg. Meine Schultern würden es mir danken. Auch seine Colaflasche ist unten angekommen. Das heißt ich muß mich entscheiden. Ja, Alexandra Schütter wäre gern unheimlich cool und gerißen. Aber ich kann nicht. Die Erziehung meiner Eltern, der Einfluß meiner besten Freundin Miriam und vermutlich auch Roman, mein Ex-Freund, sind daran schuld. Sie haben mir immer gesagt: Alex, Kleines, so was macht man doch nicht. Ich bin aber weder klein noch gemein. Kleines werde ich trotzdem genannt. Jetzt öffnet er seine Cola-Flasche genauso läßig, wie der Typ vorhin. Da dämmert es mir langsam. Wie um alles in der Welt soll ich nur diese Flasche öffnen? Ich beherrsche die Feuerzeug-Flaschenöffner-Technik (wie die meisten anderen Frauen übrigens auch) nicht. Ich bin der Typ Frau, der auf jeder Uni-Fete immer einen netten Kerl darum bitten muß die Bierflasche zu öffnen. Gut, das ist eine gute Masche um netten Kerle kennen zu lernen. Ich habe, um es erwähnt zu haben, Roman genauso kennen gelernt. „Soll ich dir die Flasche aufmachen?“ Was? Dieser Gepäckwagen-Kordjacken-Kunstfell-Typ bietet mir seine Hilfe an diese Flasche zu öffnen, seinen Wagen kann ich aber nicht haben? „Das schaffe ich gerade noch alleine. Danke.“ Ich drehe mich weg und warte, bis er mit seinem Wagen und der Flasche irgendwo hin verschwindet. Leider tut er das nicht. Er trinkt erst mal einen Schluck Cola. Arschloch. Er weiß ganz genau, daß ich die Flasche ohne männliche Hilfe oder/und einen Flaschenöffner nicht aufbekommen werde. Aber lieber flehe ich einen Flugbegleiter an, als ihn darum zu bitten. Da beiße ich doch lieber meine Zunge ab und schlucke sie runter. Arschloch. Wieso sich mein Haß auf ihn bezieht? Keine Ahnung, ich kenne ihn nicht, weiß nicht mal wie er heißt. Es intereßiert mich auch nicht. Obwohl. Jetzt, da er sich endlich von mir entfernt, muß ich schon erwähnen, daß sein Hintern einen zweiten Blick wert wäre. Wenn meine Schultern nicht so dermaßen schmerzen würden. Ich werde diese Flasche alleine öffnen. Ich kann es und werde es schaffen. Erst ein sicherer Blick in Richtung Kord-Macho. Weg. Sonst auch keine Zuschauer. Dann mal los. Wie war das? Flasche schräg halten, Maß nehmen und dann an den Rand des Automaten schlagen. Klirr. Ich hätte es wißen müßen. Der komplette Flaschenhals war mir abgebrochen. Die Cola lief mir über die Hand und mein Zeigefinger blutete. Peinlich. Ein Blick über die Schulter reichte um das breite Grinsen des, ja, Sie ahnen es... er hatte natürlich mein Versagen beobachtet. Ich haße ihn wirklich. Von ganzem Herzen." Fortsetzung folgt… "